Kunstverein Hannover Kunstverein Hannover Stufen zur Kunst

Julia Oschatz
Wort gebohrt: Mit Toten tauschen

Stufen zur Kunst ist eine Projektreihe der Stiftung Niedersachsen und des Kunstvereins Hannover. Die Reihe präsentiert in wechselndem Rhythmus raumgreifende Installationen, die speziell für das Treppenhaus im Ostflügel des Künstlerhauses entwickelt wurden. Das großzügige Treppenhaus wurde 1999 im Zuge eines Umbaus als direkter Zugang zur Stiftung Niedersachsen von den Architekten Pax + Brüning erbaut. Aufgrund der klaren und reduzierten Gestaltung war es von vornherein für die Entwicklung und Präsentation ortsspezifischer künstlerischer Projekte prädestiniert, da sich der Raum zugunsten einer künstlerischen Gestaltung zurücknimmt. Die besondere Herausforderung, die darin besteht, dass es sich bei diesem Raum um ein Treppenhaus handelt, beflügelt nicht selten die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, die Bewegung des Betrachters zu thematisieren und darüber hinaus Besucher mit Kunst zu konfrontieren, die diese hier nicht erwarten würden.

Seit 2010 werden pro Turnus fünf Künstler eingeladen, einen Projektvorschlag für das Treppenhaus einzureichen. 2016 setzte sich die in Darmstadt geborene und in Berlin lebende Künstlerin Julia Oschatz (*1970) mit ihrem Konzept für die Installation „Wort gebohrt: Mit Toten tauschen“ durch und bespielt nun – nach Kathrin Sonntag, dem Künstlerduo Heike Mutter und Ulrich Genth, Lothar Götz, Esther Stocker sowie Christian Helwing – als sechste Künstlerin dieser Reihe – den semi-öffentlichen Raum. Die Vermittlung der künstlerischen Arbeit wird über eine tägliche Nutzung des Treppenhauses hinaus durch Veranstaltungen und regelmäßige Führungen sowie eine am Kunstvereins-Tresen erhältliche Videoführung per QR Code thematisiert.

Wort gebohrt: Mit Toten tauschen

Julia Oschatz' ortsspezifische Installation verwandelt das Treppenhaus in das Innere eines festungsartigen Turms, in dessen Zentrum sich ein stilisierter Bohrturm und zahlreiche Fahnen befinden. Ihre raumbestimmende Arbeit thematisiert nichts Geringeres als das Wesen des Menschen und sein Handeln in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In einer Mischung aus Tragik und Komik verbindet Oschatz – ausgehend von Worten berühmter Denker – zeichnerische, installative und filmische Elemente zu einem vielschichtigen Geflecht aus Verweisen rund um die Schwächen wie auch Errungenschaften des Menschen.

Mit freiem Pinselstrich, der die Dynamik des Malprozesses widerspiegelt und Unregelmäßigkeiten einschließt, skizziert Oschatz anhand schematisierter Bausteine eine räumliche Illusion, die den Realraum nicht nur drastisch erweitert, sondern auch vielfache Dimensions- und Perspektivwechsel vollzieht. Die Wandzeichnung lässt eine im wörtlichen Sinne verrückte Raumarchitektur entstehen, in der sich die Künstlerin souverän wie humorvoll über die architektonischen Gegebenheiten hinwegsetzt. So bilden riesige gezeichnete, bausteinartige Elemente eine aufstrebende Raumflucht, die von schwarzen, horizontalen Gliederungen durchbrochen wird, welche einer anderen perspektivischen Ansicht folgen und architektonische Bestandteile des Treppenhauses zugleich aufgreifen wie weiterführen. Im Wechsel von räumlicher Illusion und deren Dekonstruktion erzeugt Oschatz einen Raum voller Brüche und Verrückungen, in dem der Besucher auf unterschiedliche Perspektiven, Auf- und Ansichten trifft. Die Wandzeichnung korrespondiert mit den aufstrebenden Lineaturen der Geländer und einem schematisierten Bohrturm aus schwarzen Holzlatten, der sich im Inneren des Treppenaufgang befindet und bis zur obersten Etage erstreckt.

Neben kleinen Schautafeln mit Notizen und Skizzen sind am Turm Monitore befestigt, die kurze geloopte S/W-Videos zeigen und mit an den Wänden befestigten, großformatigen Fahnen in Beziehung treten. Deren Ausgangspunkt bilden Zitate vier berühmter Denker – Sophokles, Dante, Spinoza und Bergson –, die das Wesen des Menschen im Spannungsfeld von Passivität und aktivem Gestalten verhandeln und in die Fugen der Wandzeichnung eingeschrieben sind. Im Erdgeschoss formen die Worte Sophokles' „Vielgestaltig ist das Ungeheure, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch“ den Beginn eines sich immer weiter verzweigenden Geflechts aus zeichnerischen und filmischen Setzungen. Diese werden durch die Aneignungen des Gedankens Spinozas „Es geht darum, in den Ursachen nicht unterzugehen, nicht Knecht der Affekte zu werden“ und weiterer Zitate fortgesetzt und finden im obersten Geschoss mit den Worten Shakespeares „Sein oder Nichtsein“ ihren Abschluss.

Eine zentrale Rolle im Werk von Julia Oschatz spielt seit vielen Jahren ein maskiertes Wesen, das in ihren Filmen auftritt und in dessen Rolle die Künstlerin selbst schlüpft. Die hier gezeigten Aufnahmen entstanden vor der Kulisse von historischen, weitgehend steinernen Bauwerken, wie dem Heidentempel in der Eifel (ca. 330 v Chr.) oder der Nikolaikapelle in Hannover (ca. 1325). Im Zentrum dieser Filme steht ein Wesen mit eigentümlichen Masken aus Pappe, die den Kopf verdecken und zugleich erweitern. Als einsamer Hauptdarsteller vollzieht die Figur durch einen aktiven Umgang mit ihren Kopfaufsätzen slapstickartige Handlungen, die tragikomisch vom „Fortkommen“ und Scheitern menschlichen Bemühens handeln. Im Stocken reibungsloser Abläufe vollzieht sich die bizarre Zwiesprache von Wesen und Ding, Kunstfigur und Erfindung. Dabei gelingt es Oschatz, sowohl die innere Beziehung zu den Bedingungen und Gesetzen der äußeren Welt zu verhandeln wie auch Befreiendes und Anrührendes freizusetzen.

Mit der Installation, die eigens für das Projekt Stufen zur Kunst im Treppenhaus entwickelt wurde, schuf Julia Oschatz ein komplexes Werk, das unterschiedliche formale Stränge miteinander verbindet (Zeichnung, Video, Skulptur) und einen breit angelegten gedanklichen Kosmos öffnet. Im Durchschreiten der verschiedenen Etagen wird der Betrachter zum Seismographen einer Arbeit, deren Mannigfaltigkeit sich durch mentale wie physische Perspektivwechsel erschließen lässt.